BERTHA BIANKA HIRSCH
GEB. ROTHSCHILD
JG. 1888
DEPORTIERT 1942
TRANSIT-GHETTO IZBICA
ERMORDET
Bertha Bianka Hirsch
Bertha Bianka Hirsch, geb. Rothschild wurde am 14.08.1888 in Konstanz geboren [1]. Sie hatte zwei jüngere Brüder, Ludwig (geb. 1890), der Zahnarzt wurde, und Otto (geb. 1898). Ihre Eltern, Abraham Wolf Rothschild und Anna Rothschild, geb. Rothschild, kamen aus Worblingen[2], eine von mehreren kleineren Ortschaften auf der Nordseite des Hochrheins, in denen sich jüdische Familien schon im 17. Jahrhundert niedergelassen hatten. Die in der Gegend weit verbreitete Rothschild Familie hatte keine bekannte Verbindung zu den Frankfurter Rothschilds. Die Väter[3] von Abraham (Wolf Rothschild) und Anna (Moses Baruch Rothschild) waren aber wohlhabend. Wie fast alle dortigen Juden zog die Familie im späteren 19. Jahrhundert nach Konstanz.

1908 heiratete Bertha in Konstanz[4] den Hautarzt Dr. Franz Hirsch, Sohn eines Modeschmuck-Fabrikanten aus Hanau[5]. Mit ihm zog sie nach Ulm, wo er eine Wohnung in der Sattlergasse 10[6] (heute Neue Straße 70) mit ausreichendem Platz für eine Arztpraxis im Hinterhaus mietete; im gleichen Gebäude befand sich die Redaktion des Ulmer Tagblatts. Das Ehepaar wurde auch im gleichen Jahr in Ulm eingebürgert. Am 7. Oktober 1909 wurde ihre Tochter Gertrud Julia geboren[7].
Berthas Mann meldete sich 1914 zum Reichsheer im 1. Weltkrieg und wurde Frontarzt. Verwundet, kam er am Ende des Kriegs mit mehreren Orden nach Hause und nahm wieder seine Arztpraxis auf. Er wurde in der Stadt und in der jüdischen Gemeinde bekannt und einflussreich und war Vorsitzender der Ulmer Ortsgruppe der Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und des württembergischen Landesverbandes des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten[8]. Der Reichsbund war ein dezidiert anti-antisemitischer Verein. Er wurde 1919 gegründet, nachdem von deutschen Antisemiten Zweifel am Patriotismus der Juden im Krieg geäußert worden waren.
Franz Hirsch starb am 8. August 1932 im Alter von nur 52 Jahren. Seine Tochter Gertrud hatte gerade Ende März ihre zweijährige Lehrlingszeit als Damenschneiderin in Ulm erfolgreich beendet und bereitete sich auf die Meisterprüfung vor. Monate später aber, nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, fing der von den Nationalsozialisten betriebene Boykott jüdischer Geschäfte an, so dass Gertruds Plan, ein eigenes Geschäft aufzubauen aussichtslos erschien. Im Oktober 1933 reiste sie in die Schweiz, möglicherweise zu Verwandten in Zürich. Von dort reiste sie später im Jahr nach Italien, wo sie in den folgenden Jahren als Kindermädchen arbeitete[9].
Eigentümer des Hauses Sattlergasse 10, wo Bertha wohnte, waren Max und Fritz Ebner, die zu der Eigentümerfamilie des Ulmer Tagblatts gehörten. Die Verlagsrechte der Zeitung, deren Redaktionsräume im gleichen Gebäude waren, wurden im Mai 1934 im Zuge der Gleichschaltung der deutschen Medien an das NS-Organ „Ulmer Sturm“ übertragen, wobei die Zeitung weiter in der Druckerei der Familie Ebner gedruckt wurde. Bertha Hirsch musste ihre Wohnung im 2. Stock des Hauses 1935 verlassen, um Platz für den „Ulmer Sturm“ zu machen. Max und Fritz Ebner war es sicherlich bekannt, dass sie als Jüdin wenige Möglichkeiten hatte eine neue Wohnung zu finden. Für kurze Zeit wohnte sie in einem kleinen Haus zwischen Zeughaus-Kaserne und Schlachthof, danach nahm der Rabbiner Julius Cohn sie in dem umgesiedelten Rabbinats-Gebäude in der Lange Straße 18 auf.
Nach der Schließung des Rabbinats wurde Bertha Hirsch am 13. Februar 1940 gezwungen, in ein Zimmer im Erdgeschoss des „Judenhauses“ Neutorstraße 15 zu ziehen. Nachdem ihre Witwenrente ab März 1939 nicht mehr ausbezahlt worden war, war sie mittellos. Neben ihr wohnte in drei Zimmern die Familie Steiner, die eigentlichen Besitzer des Hauses. In solche „Judenhäuser“ (einige wenige Häuser in Ulm, die noch im Besitz von Juden waren) mussten alle noch in Ulm lebenden Juden ziehen. Das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ vom 30. April 1939 war die gesetzliche Basis dafür.
Berthas Tochter Gertrud konnte in Italien ohne Verfolgung bis 1937 weiter leben und arbeiten. Aber bei einer Staatsvisite Adolf Hitlers in Italien im Mai 1938 wurde sie in Florenz für drei Wochen inhaftiert, als Hitler mit Mussolini die Stadt besuchte. 1939 musste sie Italien verlassen, konnte aber im Juni des Jahres nach England einreisen. Dort verbrachte sie die Kriegsjahre und konnte auch eine neue Ausbildung als Bürokraft machen. Danach arbeitete sie als Sekretärin. 1947 emigrierte sie in die USA und wurde nach der Eheschließung in New York am 3. August 1952 zu Gertrud Bornstein. In den Jahren 1941 bzw. 1940 hatten auch Berthas Brüder Ludwig und Otto in die USA fliehen können.
Die Behörden in Ulm bemühten sich auch die „Judenhäuser“ zu leeren. Gegen Ende 1941 musste Bertha Hirsch in ein Zwangsaltersheim in dem heruntergekommenen und notdürftig hergerichteten Schloss Weißenstein im Landkreis Göppingen ziehen. Der Aufenthalt im Schloss Weißenstein war für alle Insassen ein bedrücktes Warten auf die Deportation und Ermordung. Schon im Dezember wurden in einer ersten Deportation viele nach Riga gebracht und dort ermordet. Am 26. April 1942 wurde in der zweiten Deportation Bertha Hirsch mit acht anderen Frauen und einem Mann zum Bahnhof gebracht und über Stuttgart nach Izbica bei Lublin in Polen deportiert. Izbica war ein Durchgangsghetto in die Vernichtungslager Belzec und Sobibor. Es muss angenommen werden, dass Bertha Hirsch im Lauf der folgenden Zeit in einem der Vernichtungslager ermordet wurde.
- family-search.org
- alemannia-judaica.de/worblingen_synagoge
- hohenemsgenealogie.at
- Ingo Bergmann (Hg.): „Und erinnere dich immer an mich. Gedenkbuch für die Ulmer Opfer des Holocaust“, 2009
- de.findagrave.com/memorial/124864845/franz-hirsch
- Ulm Adressbücher
- http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-446815-229
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs 11 (1.9.1932)
- Landesarchiv Baden-Württemberg Staatsarchiv Ludwigsburg EL 350 I_Bü 23296, EL 350 I_Bü 27600
Autor*in(nen): Mark Tritsch

